Am 21. Januar 2026 veranstaltete das DWA-Klärschlammnetzwerk Nord-Ost seinen 11. Netzwerktag im Hotel Steglitz International in Berlin. Mehr als 80 Teilnehmende – darunter Fachleute, Referierende und Aussteller – kamen zusammen, um aktuelle Herausforderungen der Klärschlammbehandlung und Phosphorrückgewinnung zu diskutieren. Die Veranstaltung bot neben dem integrierten Ausstellerforum und der Fachausstellung ein vielfältiges Vortragsprogramm sowie eine moderierte Podiumsdiskussion.
In seiner einführenden Ansprache führte Herr Prof. Barjenbruch aus, dass bis 2029 zwar ausreichend Kapazitäten für die thermische Klärschlammverwertung erwartet werden, nicht jedoch für die Phosphorrückgewinnung. Weil zahlreiche Verfahren noch nicht marktreif sind, dürfte nur rund ein Drittel der benötigten Kapazitäten verfügbar sein, weshalb Übergangslösungen wie die Zwischenlagerung von Aschen oder ein Fondsmodell diskutiert werden. Ein Vorschlag des DWA-Präsidenten zur Fristverlängerung bis 2039 stieß auf breite Kritik. Das BMUKN stellte inzwischen klar, dass an der Pflicht zur Phosphorrückgewinnung ab 2029 festhalten wird.
An die Begrüßung schloss sich der Beitrag von Frau Sens an, die über die Aktivitäten in den drei Regionalgruppen des Klärschlammnetzwerkes Nord-Ost im Jahr 2025 informierte. Zudem stellte sie einen Auszug der Ergebnisse der im Oktober durchgeführten Mitgliederumfrage vor. Anlass dieser Umfrage waren rückläufige Teilnehmerzahlen bei den Regionalgruppentreffen. Besonders positiv bewertet wurden die Innovationsimpulse, die Unterstützung für die tägliche Arbeit, die Qualität der Treffen sowie die Zusammenarbeit im Netzwerk. Um den Austausch künftig zu stärken, soll es jeweils ein Präsenztreffen im Frühjahr und ein gemeinsames Online Treffen im Herbst geben. Die Termine für die nächsten Treffen stehen bereits fest:
Im anschließenden Fachvortrag erläuterte Frau Henze von der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Berlin, die politischen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die verpflichtende Phosphorrückgewinnung ab 2029. Die Umweltministerkonferenz identifizierte dabei wesentliche Umsetzungshemmnisse wie fehlende technologische Reife, offene Finanzierungs- und Vergabethemen sowie Fragen zur Langzeitlagerung von Klärschlammaschen. Flankierend wurden Branchendialoge, Monitoring und Anpassungen im Düngemittelrecht angestoßen. Laut Aussage von Frau Henze ist eine vorfristige Umlage der Kosten über Abwassergebühren grundsätzlich möglich.
Die Langzeitlagerung gilt als rechtlich zulässige, aber zeitlich begrenzte Übergangslösung. Der Ad hoc Ausschuss konzentriert sich auf die fristgerechte Umsetzung, kann jedoch keine Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen leisten. Frau Henze betonte, dass die Frist 2029 bestehen bleibt, da ein Hinauszögern höhere Kosten und zusätzliche Risiken verursachen würde.
Herr Dr. Herzel von der Bundesanstalt für Materialforschung und ‑prüfung (BAM), stellte in seinem Fachvortrag den aktuellen Stand und die Potenziale thermochemischer Verfahren zur Herstellung CaNaPO₄‑haltiger Phosphatdünger vor. Am Beispiel des Projekts R‑Rhenania wurde erläutert, wie durch Zugabe eines Natrium‑Additivs und eine Behandlung bei rund 900 °C ein pflanzenverfügbarer, schwermetallreduzierter Dünger direkt in der Monoverbrennung entsteht. Versuche zeigen eine Düngewirkung auf dem Niveau von Struvit und konventionellen Mineraldüngern; die EU‑Düngeprodukteverordnung wird erfüllt, nationale Anpassungen stehen noch aus. Nach Angaben von Herrn Dr. Herzel gelten bis 2029 bundesweit rund 555.000 t Klärschlammasche pro Jahr als rückgewinnungspflichtig, doch derzeit existieren nur etwa 20 % der benötigten Kapazitäten. Die thermochemischen Verfahren könnten künftig rund 100.000 bis 150.000 t/Jahr und damit etwa ein Viertel des Bedarfs abdecken, sofern die Umsetzung in den kommenden Jahren konsequent vorangetrieben wird.
Im Anschluss daran stellten sich im Rahmen des Ausstellerforums Unternehmen in kurzen Präsentationen mit ihren Erfahrungen in der Phosphorrückgewinnung vor.
Herr Dr. Clemens von der SF Soepenberg GmbH erläuterte das Verfahren iPHOS, mit dem Phosphor direkt auf der Kläranlage zurückgewonnen und der P Gehalt im Klärschlamm auf unter 2 % TS gesenkt wird. Grundlage ist die chemische Reduktion von Eisen(III) Phosphat, wodurch gebundener Phosphor gelöst und überwiegend als Struvit gefällt werden kann. Das Verfahren eignet sich insbesondere für Anlagen mit eisenbasierten Fällmitteln und bietet Vorteile hinsichtlich Entwässerbarkeit, Schlammmenge und der Erzeugung eines marktfähigen Düngers. Erste Einsätze mit einer mobilen Anlage seit 2025 bestätigen die technische Umsetzbarkeit.
Herr Wirtz von der Grinol GmbH stellte das Projekt InnoSludge vor, das ein integriertes Verfahren zur nachhaltigen Klärschlammverwertung entwickelt. Zentrales Element ist der BAF‑Prozess (Bio-Activated-Fuel), der Biomasse und Klärschlamm zu einem CO₂‑neutralen, energiereichen Öl aufwertet. Ergänzend wird über ein nasschemisches Verfahren Phosphor zurückgewonnen, verbunden mit einer Schwermetallreduktion von bis zu 90 %. Das verbleibende Karbonisat kann als Bodenverbesserer, Brennstoff oder CO₂‑Senke genutzt werden. Das Projekt wird im Rahmen einer Innovationspartnerschaft mit dem Abwasserwerk Greifswald umgesetzt.
Herr Schubert berichtete über die Seraplant Anlage in Haldensleben, die jährlich 35.000 t Klärschlammasche verarbeitet und bis zu 60.000 t Recyclingdünger herstellen kann (bislang 17.000 t). Grundlage ist das PHOS4green Verfahren, bei dem wasserunlösliches Phosphat mittels Säure in gut pflanzenverfügbares, wasserlösliches Phosphat überführt und anschließend zu einem homogenen Mehrnährstoffdünger granuliert wird. Laut Herrn Schubert bremsen trotz technischer Reife insbesondere schwankende Aschequalitäten, hohe Anforderungen an die Prozessführung sowie fehlende politische Klarheit eine flächendeckende Umsetzung des Verfahrens.
Nach der Mittagspause fand die Podiumsdiskussion statt, moderiert von Herrn Waschnewski (Lenkungsbeirat). Vertreter aus Betreiberpraxis, Verwaltung und juristischen Institutionen diskutierten gemeinsam über Perspektiven und zentrale Herausforderungen der zukünftigen Klärschlammentsorgung. Im Folgenden sind einige Kernaussagen stichpunktartig zusammengefasst.
• Die gesetzlichen Fristen bleiben bestehen.
• Ein „Plan B“ wird erarbeitet, ohne die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aufzuheben.
• Fristverschiebungen würden Investitionen hemmen und politische Glaubwürdigkeit schädigen.
• Übergangslösungen müssen EU rechtlich und national rechtssicher sein.
• Phosphorrückgewinnung ist geopolitisch relevant, auch wenn sie volkswirtschaftlich kurzfristig unrentabel ist.
• Markt entsteht nur durch regulatorischen Druck.
„Der politische Druck soll bewusst aufrechterhalten werden, um Investitionen und Marktaufbau zu erzwingen."
• Kommunale Entscheidungsprozesse sind zeitintensiv und politisch anspruchsvoll.
• In Flächenländern fehlen große Klärschlamm-Mengen; Einzelakteure sind zu klein.
• Interkommunale Kooperationen sind zwingend erforderlich.
• Anlagen werden realistisch nicht bis 2029, sondern eher ab 2032 verfügbar sein.
• Abwarten führt nicht zu günstigeren Preisen – Kosten werden weiter steigen.
• Fristverlängerungen fördern Zurückhaltung statt Investitionsbereitschaft.
• Rezyklateinsatzquoten könnten den Markteintritt von Verfahren erleichtern.
„Wer heute baut, baut zu hohen Kosten – Abwarten wird es nicht günstiger machen.“
• Klärschlamm stellt andere technische Anforderungen als klassischer Abfall.
• Bestehende Anlagen sind teilweise unterausgelastet.
• Investitionen in Millionenhöhe stehen fehlenden Mengen gegenüber.
• Landwirtschaftliche Verwertung ist aktuell wirtschaftlich konkurrenzfähig.
• Phosphorrecycling erfolgt in Kooperation mit Technologiepartnern.
• Entsorgungskosten werden deutlich steigen.
• Wirtschaftliche Risiken sind unvermeidbar, aber notwendig für Fortschritt.
„Technisch ist vieles lösbar, wirtschaftlich aber nur mit verlässlicher Auslastung.“
• Größte Herausforderung ist fehlende Rechts- und Planungssicherheit.
• Langjährige Fristdebatten sind hochschädlich.
• Fondslösungen sind juristisch sehr komplex und kurzfristig kaum umsetzbar.
• Ein funktionierender Markt für Phosphorrezyklate existiert noch nicht.
• Rezyklateinsatzquoten sind ein zentraler Hebel zur Marktaktivierung.
• Produktstatus von Rezyklaten ist rechtlich grundsätzlich möglich.
„Rechtssicherheit ist wichtiger als neue Instrumente – Fonds sind kein schneller Ausweg.“
In der Diskussion bestand ein breiter Konsens darüber, dass die bestehenden Fristen politisch notwendig sind, auch wenn ihre vollständige technische und wirtschaftliche Umsetzung bis 2029 kaum realistisch erscheint. Als zentrales Nadelöhr wurde die fehlende Planungssicherheit benannt, die Investitionen bremst und die Umsetzung zusätzlich erschwert. Gleichzeitig wurde hervorgehoben, dass Kooperationen, größere Skaleneffekte und verbindliche Rezyklateinsatzquoten entscheidende Hebel darstellen, um die P Rückgewinnung nachhaltig voranzubringen.
Im abschließenden Vortrag präsentierte Herr Stein, EEW, seine betrieblichen Erfahrungen aus der Inbetriebnahme einer Brüdenkondensataufbereitung der neu errichteten Klärschlamm-Monoverbrennungsanlage in Stavenhagen. Das bei der Trocknung anfallende, stark ammonium- und organikbelastete Brüdenkondensat wird mehrstufig behandelt, einschließlich Fällung, Filtration und NH₃-Stripper mit Ammoniumsulfatgewinnung. Die Inbetriebnahme war durch hohe genehmigungsrechtliche Anforderungen, anspruchsvolle Arbeitsschutzbedingungen sowie verfahrenstechnische Optimierungen – insbesondere bei Sedimentation und Kohlenwasserstoffen – geprägt. Insgesamt zeigte Herr Stein, dass die Aufbereitung technisch umsetzbar ist, jedoch eine sorgfältige Prozesssteuerung und kontinuierliche Anpassungen erfordert.
Zum Abschluss der Veranstaltung fasste Herr Prof. Barjenbruch die zentralen Inhalte und Ergebnisse noch einmal zusammen. Wir bedanken uns herzlich bei allen Mitgliedern des DWA Klärschlammnetzwerkes Nord Ost sowie bei den Referierenden, die mit ihren Beiträgen und ihrem Fachwissen maßgeblich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben. Alle Vorträge wurden in einem digitalen Tagungsband zusammengestellt, den Sie im geschützten Netzwerkbereich finden.